Nachhaltige Marktwirtschaft

Bürgerstrom

Woher kommt der Name Bürgerstrom? Was bedeutet Bürgerstrom?

Eine Erklärung für den Neologismus „Bürgerstrom“

Als ich mich um die Jahrtausendwende mit dem Thema „Bürgerprojekt Photovoltaik“ und „Bürgerprojekt Solarstrom“ beschäftigte und später meine Website registrierte, fragte ich mich, wie man den aus Bürgerhand produzierten Solarstrom mit einem kurzen, verständlichen Begriff nennen könnte. Zu dieser Zeit war der Begriff „Bürgerstrom“ noch nicht bekannt. Es lag für mich auf der Hand, aus dem Begriff
„Bürger-projekt Solar-strom“
das Wort „Bürgerstrom“ zu extrahieren. Ich sicherte mir u.a. die Domainnamen „buergerstrom.org“ und „buergerstrom.info“.

Im Internet konnte ich keinen Nachweis finden, dass vor 2005 der Name „Bürgerstrom“ im Zusammenhang mit der Energiewende benutzt wurde. Es handelte sich demnach mutmaßlich um eine neue Wortschöpfung, die sich logischerweise aus den vielen Projekten aus Bürgerhand im Zusammenhang mit dem Bau von gemeinschaftlichen Solar-anlagen aber auch aus gemeinschaftlichen Windkraftanlagen und anderen Bürgerprojekten mit erneuerbaren Energien ergeben sollte. Durch die Einführung des "Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2000 war der Weg vorgezeichnet für „Bürgerstrom“

 

„Bürgerstrom“, „Bürgerprojekt“, „Bürgerenergie“ und der Duden

Am 12.08.2020 wurde die 28. Auflage des Dudens veröffentlicht. Auch dieses Mal haben es die Worte „Bürgerstrom“, „Bürgerprojekt“, „Bürgerenergie“ nicht in das „Online-Duden-Wörterbuch“ geschafft. Mutmaßlich haben demnach diese Begriffe immer noch keinen Einzug in den allgemeinen deutschen Sprachschatz gefunden.

Vor allem die Bewegung der „Bürgerenergie-Genossenschaften“ hat den Begriff „Bürgerstrom“ als „Marke“ übernommen; was sehr erfreulich ist. Die "Bürgerwerke" nennen den im Verbund erzeugten und verkauften Strom „Bürgerstrom“. Auch die „HEG-Heidelberger Energiegenossenschaft“ wirbt mit Bürgerstrom. Man kann nur wünschen, dass durch die Dudenredaktion die Begriffe Bürgerstrom, Bürgerprojekt und Bürgerenergie bald Einzug in das „Wörterbuch der deutschen Sprache“ finden. Dass dies bisher nicht geschehen ist, liegt vermutlich auch daran, dass diese Begriffe noch nie ausführlich und der Intension seiner Wortbedeutung her, erklärt wurden. 

Energiewende und Klimawandel - Worte finden - Sprachlosigkeit

Wir gestalten seit zwei Jahrzehnten eine Energiewende in Deutschland. Die Energiewende ist entstanden aus der aktiven Gesellschaft, die die Notwendigkeit erkannte, die fossile und atomare Energiegesellschaft verändern zu müssen. Als Gesellschaft "müssen" (können, sollten) wir zunächst verstehen, dass das anthropogen verursachte CO2, das wir durch die Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle in die Atmosphäre entlassen, eine ernstzunehmende Veränderung der Klimabedingungen für unser menschliches Dasein darstellt. Dann können wir die Wege beschreiben, die Energiewende fast vollständig zu nahezu 100% erneuerbar zu gestalten. Dies ist sektorenübergreifend möglich, sowohl für Strom als auch für Wärme/Kälte und Mobilität.

Wie kann Energiewende gelingen, wenn wir bis heute nicht einmal feststehende Begriffe im Sprachgebrauch haben? Wir sind quasi sprachlos. „Energie aus Bürgerhand“ muss sich offensichtlich auch im allgemeinen Sprachgebrauch sichtbarer machen.
 

Bürgerstrom ist ein mögliches Gesamtkonzept zur Energiewende mit dem Ziel (nahezu) 100% erneuerbare Energien. Jeder, der sich mit dem Thema Klimawandel und Energiewende beschäftigt, weiß, dass wir aus dem "Zeitalter der Verbrennung fossiler Rohstoffe“ herauswachsen müssen. Aller Unkenrufe zum Trotz ist das in skalierbaren großen Dimensionen möglich durch erneuerbare Energien. Auch wenn etablierte Industrien, manche Politiken und andere interessengeleitete Bewegungen das anders sehen wollen.
Mit dem EEG ab dem Jahr 2000 (1. Einspeisevorrang und 2. festgelegte Vergütung = Investitionssicherheit) waren gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, um Strom und Wärme aus Bürgerhand zu produzieren. Es war bis dahin nicht möglich, dass private Initiativen in das Oligopol der Energiekonzerne und der Stadtwerke eindringen konnten, um Strom herzustellen. Ein System des Stromverkaufs aus Bürgerhand gab es damals noch nicht, daher wurde eine Einspeisevergütung entwickelt, die es den Bürgern ermöglichte, Investitionen zu tätigen, deren Risiken die etablierte Energiewirtschaft nicht eingehen wollte. Erneuerbare Energien erschienen in der veröffentlichten Meinung schlicht unwirtschaftlich. Wir wissen heute, dass das EEG eine gigantische Erfolgsgeschichte ist, in vielen Ländern "kopiert" wurde und die Energiewende überhaupt erst möglich gemacht hat.

20 Jahre später ist es Realität, dass mit Hilfe des EEG Bürgerstrom und Bürgerwärme aus Bürgerhand durch Bürgerprojekte umfassend genutzt werden kann.
 

Es ist nicht unerwartet und auch nicht verwunderlich, dass versucht wird, „Energie aus Bürgerhand“ und „Bürgerstrom“ klein zu reden und als „Verkaufskonzept von Strom an Nachbarn“ zu verniedlichen. Als ob wir Bürger zu naiv sind, „das Große und Ganze“ im Blick zu haben.
Vielmehr ist festzuhalten, dass technische Großlösungen nur eine Möglichkeit unter vielen ist, so wie Dezentralität auch nur eine weitere von mehreren Möglichkeiten ist. Dass Wissenschaftler manchmal die Anwendungen in ihrem Fachgebiet als "die beste Lösung" sehen, ist verständlich. Man sollte aber qualifiziert prüfen, wenn Andere auch gute Lösungen anbieten können. Es sollte keine Denk- und Handlungsmonopole geben. Für die Bewältigung des Klimawandels werden wir viele verschiedene Lösungen brauchen.

Bürgerstrom - Neologismus - Kontamination - Kofferwort

Als vor mehr als 15 Jahren das Wort „Bürgerstrom“ u.a. von mir kreiert wurde, gab es weder rechtliche, wirtschaftliche, ökologische, soziale, gesellschaftliche, digitale, politische Rahmenbedingungen, die es ermöglicht hätten, das Gesamtkonzept Bürgerstrom umzusetzen.
 

„Bürgerstrom“ ist ein Neologismus. Genauer gesagt ist es eine sprachliche „Kontamination“, ein   „Portmanteauwort“.

„Bürgerprojekt Solarstrom“, „Bürgerprojekt Windstrom“ etc. ist die Basis für das „Schachtelwort“ oder „Kofferwort“ „Bürgerstrom“. Es geht dabei auch um das „Projekt Strom“. Und das im weitesten Sinne.

Wir kennen aus der Energiewirtschaft die Aufteilung in die drei Sektoren Strom, Wärme, Mobilität.
Der Strom* wird derzeit überwiegend hergestellt aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe, insbesondere Kohle und Gas.
Die Wärme wird überwiegend hergestellt aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas.
In der Mobilität, ob Auto, LKW, Bahn, Schiff oder Flugzeug verbrennt man überwiegend raffinierte Erdölderivate wie Benzin, Diesel, Schweröl, Kerosin. 

In einer anderen gängigen Aufteilung verwendet man die Sektoren Industrie, GHD (Gewerbe, Handel, Dienstleistungen), Verkehr, Haushalte sowie davor geschaltete Verbrauchsprozesse (z.B. Umwandlungs-verluste, Herstellverluste). In den letzten Jahrzehnten wurden diese Sektoren stark getrennt betrachtet.

Info:
Endenergieverbrauch nach Sektoren 1990-2018
Stromverbrauch nach Sektoren 1990-2018
Wärmeverbrauch am Endenergieverbrauch 2008 und 2017

*Atomkraft hat in Deutschland lange Zeit eine bedeutende Rolle für die Stromerzeugung gespielt. Die Atomkraft ist aber nicht Thema dieser Erörterung, zumal der Atomausstieg hierzulande beschlossen ist.


Sektorentrennung und moderne Energieversorgung überwiegend aus Strom

In einer modernen, zukunftsorientierten Energiegesellschaft gibt es diese strikte Sektorentrennung alter Schule nicht mehr. Natürlich wird es eine Sektorenanalyse geben, um festzustellen, wo wir künftig effizienter und effektiver mit Energie umgehen können. Wir werden in Zukunft viel mehr Energie aus der Stromgewinnung nutzen.
Aus Sonne, Wind, Wasser etc. wird Strom produziert, der in weiteren Prozessen auch zu Wasserstoff, Methan o.a. umgewandelt werden kann. Wo es Sinn macht, wird mit Hilfe des Stroms durch Elektrolyse Wasserstoff hergestellt, der in vielen industriellen Anwendungen genutzt werden kann, aber auch im Verkehrsbereich.
Durch Methanisierung können erneuerbare Energien auch im Wärmebereich in Form von Gas genutzt werden, aber auch im Verkehrsbereich.

Wärme aus Biomasse oder Geothermie kann natürlich direkt als Nah- oder Fernwärme genutzt werden. In erster Linie wird man die Energie aus natürlichen Ressourcen direkt verwenden, wie bisher bei den üblichen Anwendungen, bei denen man Strom benötigt. Insbesondere im Verkehr und für die Wärme- oder Kälteerzeugung werden Energieanwendungen direkt aus Strom zunehmen.

100% erneuerbare Energien

In der zukünftigen Energiewelt werden nahezu 100% aller Energieanwendungen aus erneuerbaren Energien kommen. Die etablierten Industrien und die fossile Energien fördernden Länder haben bisher zu geringes Interesse an der Änderung der bestehenden Energiewirtschaft. Deshalb braucht es überall auf der Welt „Bürgerprojekte“ mit „Bürgerstrom“, "Bürgergas", "Bürgerwärme". Millionen von vernetzten, dezentralen Anwendungen - beyond petroleum. Es taten und tun sich Menschen zusammen, die die Idee haben, gemeinsam Strom und Wärme zu produzieren, zu verteilen, abzugeben und zu nutzen, weil die Politik die Rahmenbedingungen im Jahr 2000 durch das EEG geschaffen hatte.

Der Erfolg des EEG war sein Rückschlag

Als die Politik und die Industrien merkten, dass die ganze Angelegenheit äußerst erfolgreich verlief, wurden die Rahmenbedingungen leider so verändert, dass Bürgerprojekte nur noch sehr erschwert möglich sind. Die "Energiewende aus Bürgerhand" wurde ausgebremst.

Die Schaffung von neuen Infrastrukturen wurde behindert, verlangsamt oder sogar verhindert. Diese neuen Infrastrukturen sollten Speicherlösungen, Ladelösungen, dezentrale Lösungen, Lösungen durch Digitalisierung sein. Man nennt so etwas in größerem Zusammenhang heutzutage auch „intelligente Vernetzung“ oder „Smart Grid“.

Quelle: Umweltbundesamt - UBA

Erneuerbare Energien in Deutschland 2019

Daten zur Entwicklung im Jahr 2019

Die Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik (AGEE-Stat) bilanziert im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie regelmäßig die Nutzung der erneuerbaren Energien in Deutschland. Jährlich erstellt die AGEE-Stat in diesem Rahmen eine erste amtliche Abschätzung zur Entwicklung der erneuerbaren Energien im jeweiligen Vorjahr und veröffentlicht die Erkenntnisse im Hintergrundpapier „Erneuerbare Energien in Deutschland“.


 

Energiewende und Bürgerstrom ist mehr,
als nur technische Lösungen anzubieten

Menschen, die aber nur in technischen Strukturen denken, haben die Gesamtdimension des Themas „Bürgerstrom“ „Bürgerenergie“  nicht verstanden. Es geht nicht nur um die Energiewende, es geht nicht nur um technische Anpassungen von Energiesystemen. Es geht auch um Sektorenkoppelung. Es geht auch um Infrastrukturen. Es geht auch um Digitalisierung. Es geht auch um Speicherlösungen. Es geht um 100% erneuerbare Energien.

Es geht neben den vorgenannten Aspekten aber auch um gesellschaftliche Akzeptanz neuer, moderner, nachhaltiger, kostengünstiger und sicherer Energiesysteme - sektorenübergreifend und gesellschaftsübergreifend. Es geht um ökologische und soziale Verantwortung für die lebenden und künftigen Generationen und für die Umwelt. Es geht um nachhaltige Marktwirtschaft.
Demnach geht es auch um Ressourcenschonung, Cradle-to-cradle, Recycling. Es geht um Artenvielfalt und das Klima. Es geht um menschenwürdige Arbeitsbedingungen, um faire Bezahlung, um Bildungschancen. Es geht um Verteilung und Gerechtigkeit.

Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler können helfen, sind aber auch Teil des Problems, wegen Ihres Anspruchs auf Perfektion

Die Wissenschaft kann uns technische, physikalische, chemische Modelle und Lösungen bieten. Wenn die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Klimaschädlichkeit der Verbrennung von fossilen Brennstoffen mit der Wirkung von CO2 in der Atmosphäre nicht versteht und akzeptiert und daraus die richtigen Schlüsse des Wandels hin zu einer nachhaltigen Marktwirtschaft zieht, haben wir zwar eine flexiblere und sicherere Infrastruktur, aber immer noch einen hohen Anteil fossiler Brennstoffe im Gesamtsystem.

Bürgerstrom, Bürgerenergie und Bürgerprojekte sind daher mehr, als nur der Bau von gemeinschaftlichen Energieerzeugungsanlagen. Die Menschen erkennen, dass Sie etwas für sich, für Ihre Kinder, für die Umwelt tun. Dabei bleiben die Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort erhalten. Die Energieversorgung wird nachhaltiger und sicherer. Beteiligung nicht nur mit Worten, sondern auch mit Sachwerten vor Ort und sichtbar. Gesellschaftliche Teilhabe mit dem Esprit für das Gemeinwohl.

Bürgerstrom ist daher auch eine Einstellung zu einem nachhaltigen Leben. Eine Bürgerbewegung, ein „Bürgerstrom“, der seine „Bürgerenergie“ dazu nutzt, verantwortungsvoll und nachhaltig mit den Lebensgrundlagen dieser Welt umzugehen.

Sonnige Grüße

Dietmar Helmer
2020-09

Exkurs: An anderer Stelle werde ich über größere Zusammenhänge von "Bürgerstrom" berichten, z.B. die möglichen Wirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt. Werden wir als Gesellschaft "ärmer", wenn das BIP sinkt, weil der Rohstoffimport für Öl, Gas, Kohle zurückgeht? Schrumpft unser Wohlstand, wenn wir statt Geld für Strom und Dienstleistungen zu erhalten, Kilowattstunden vergüten? Welche Wirkungen können eintreten, wenn wir statt eines Sparvertrages in Geld oder Aktien, einen Sparvertrag mit Kilowattstunden abschließen? Welche Wirkungen hat "Stromsparen" auf die Armutsbekämpfung und für die Altersvorsorge? Diese und ein paar andere Fragen stellen das Wirken von Bürgerstrom in seinen verschiedenen Facetten dar.

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